Aktionsprogramm Klimaschutz 2020: Einstieg in den Kohleausstieg?

Nach langem Ringen wurde das Aktionsprogramm am 3. Dezember vom Kabinett beschlossen. Neben vielen Maßnahmen in den Bereichen Energieeffizienz, Verkehr, Landwirtschaft usw. gab es eine für das Projekt „Kohleausstieg“ zentrale Einigung. Diese versteckte sich auf Seite 28 des Programmes:

4.3.2 Weitere Maßnahmen, insbesondere im Stromsektor
Um das nationale Klimaschutzziel für 2020 zu erreichen, müssen alle Sektoren einen zusätzlichen Minderungsbeitrag erbringen. Weitere 22 Mio. t werden unter besonderer Berücksichtigung des Stromsektors und des europäischen Zertifikatehandels erbracht. Der Bundesminister für Wirtschaft und Energie wird in 2015 dazu einen Regelungsvorschlag vorlegen.
Treibhausgasreduktion: 22 Mio. t CO2-Äq.
Zeitplan: 2015

Beschlossen wurde also erstmal nur, dass der Energiesektor diese relativ kleine Reduktionsmenge durch noch zu bestimmende Maßnahmen erbringen muss. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel erklärte allerdings schon im Vorfeld in Interviews, dass es sich hierbei um die Kohleverstromung handelt und das die 22 Mio. t in fünf Jahresschritte zu je 4,4 Mio. t aufgeteilt werden, welche die Kraftwerksbetreiben, entsprechend ihrer heutigen Emissionen, erbringen müssen. Auch fügte Gabriel an, er möchte diese 22 Mio. t Reduktion „in Form eines Gesetzes“ absichern. Seit dem wird gerätselt, worum es dabei geht.
Dabei wurden kurz vor Schluss der entscheidende Paragraph im Aktionsprogramm noch zu Gunsten der Kohle-Lobby geändert. So wurde die Berücksichtigung „des europäischen Zertifikatehandels“ noch eingeschoben. Das lässt vielleicht die Schlussfolgerung zu, dass die Regierung noch Hoffnung in eine Reform des Emissionshandels in Brüssel hat und sich diese, so sie vor 2020 gelingen würde, anrechnen lassen will? Eine weitere – weitestgehend unbemerkte – Änderung war die Streichung des Wortes „mindestens“ vor den 22 Mio. t, welche ja ursprünglich von der Zusage Gabriels von „22 bis 55 Mio. t Emissionsreduktion“ her rührten. Das legt den Schluss nahe, dass er sein Versprechen an die Kohleunternehmen, es werde keine weiteren Auflagen nach dieser Aktion hier geben, weiter aufrecht erhalten will.

Schon im Vorfeld des Beschlusses gab es aber breite Kritik von WWF/Germanwatch sowie den Grünen an den Grundlagen des Aktionsprogrammes. Dieses rechnete mit „Sowieso-Maßnahmen“, welche bis 2020 automatisch eine immense CO2-Reduktion mit sich bringen würden. Allein im Energiesektor kalkulierte die Regierung mit 71 Mio. t Reduktion, die ohnehin passieren würden. Jedoch basieren die 2020-Prognosen der Regierung auf veralteten Annahmen, z.B. was den CO2-Preis angeht oder das Rentenalter von Kohlekraftwerken. Während die Kritik medial keine großes Echo erfuhr, hat Gabriel in der Fragestunde im Anschluss an den Kabinettsbeschluss bestätigt, dass man sich verrechnete und von der o.g. Summer ca. 34 Mio. t noch nicht als „Sowieso“-Reduktion verbucht werden können. Hier der Auszug auf seine Antwort auf Anfrage der Grünen, welche auch weitere Fragen beantwortete:

Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie: „Abseits der humorvollen Bemerkungen zu dem Thema ist es so, dass wir mit der Reduktion der Emissionen um 22 Millionen Tonnen auf die Prognose draufsatteln – das habe ich vorhin versucht zu erklären –, die die alte Bundesregierung abgegeben hat und die bis heute in einem Umfang von circa 34 Millionen Tonnen noch nicht unterlegt ist. Deswegen glauben wir, dass eine der Antworten sein kann – darüber müssen wir aber mit der Strombranche verhandeln –, dafür das Angebot zu machen, Kapazitätsreserven zu bilden.
… Die Idee, die wir verfolgen, habe ich vorhin schon genannt: Wir wollen Emissionsobergrenzen festlegen, also eine Obergrenze für Emissionen, die der Kraftwerkspark 2020 ausstoßen darf. Das habe ich jetzt, glaube ich, dreimal gesagt. Mit Bezug auf historische Emissionen wollen wir die Minderungsbeiträge auf die Kraftwerksbetreiber verteilen, jedenfalls 22 Millionen Tonnen. Zusätzlich wollen wir versuchen, den noch nicht geschafften Teil aus der alten Prognose zumindest in größerem Umfang dadurch zu erreichen, dass dieser Teil in die Kapazitätsreserve eingebracht wird; dieses Angebot wollen wir unterbreiten.“

Daraus ergeben sich drei Schlussfolgerungen, welche für unsere weitere Arbeit relevant sind:
Erstens sind die von Gabriel angekündigten und im Aktionsprogramm festgeschriebenen 22 Mio. Tonnen zusätzlich zu den 71 Mio. Tonnen. Das sind insgesamt 93 Mio. Tonnen CO2 Reduktion aus der Stromwirtschaft. Es ist nun wichtig, ihn genau darauf festzunageln!
Zweitens möchte Gabriel die 5 x 4,4 = 22 Mio. t CO2-Reduktion aus der Energiewirtschaft anscheinend durch Emissionsobergrenzen festlegen. Winkt uns hier die Einführung eines neuen Klimaschutzinstrumentes (welches später ggf. sogar ambitionierter nachjustiert werden könnte)? Oder läuft es auf einen politischen Deal wie beim Atomausstieg aus, welcher mit der Zusage verbunden ist, dass die Kohlekonzerne von weiteren Maßnahmen wie Grenzwerten oder Umweltauflagen befreit werden? Eventuell ist das hier genau das window-of-opportunity, um ein wirksames Kohleausstiegs-Instrument einzuführen? Die Vorschläge liegen bereit und sollten im ersten Halbjahr 2015 massiv in der Debatte gepusht werden. Bereits innerhalb der Regierung gibt es Fürsprecher für ordnugnspolitische Maßnahmen. 22 Mio. Tonnen wären nicht viel, aber wir hätten einen Fuß in der Tür.
Drittens möchte Gabriel anscheinend die „noch nicht unterlegten“ 34 Mio. t CO2-Reduktion zum Großteil über eine Kapazitätsreserve erbringen. Da die zur Stilllegung angemeldeten Kraftwerke (also das, was die Konzerne eh los werden wollen), dafür nicht ausreicht, muss er an heute noch rentabel laufende Kraftwerke ran. Was wird das kosten? Und welche Kosten sind überhaupt akzeptabel, damit z.B. ein Braunkohlekraftwerk in die Reserve geht? „Keine Kohle für die Kohle!“ – kann diese Forderung aufrecht erhalten bleiben, wenn mensch sich scheinbar den Kohleausstieg über die Reserve erkaufen kann? Hier braucht es eigene Gutachten und Expertise (dazu auch das DIW-Gutachten s.u.).

Mein Fazit: Das Aktionsprogramm hat den Kohleausstieg nicht eingeleitet, sondern lediglich das Schlachtfeld für die kommenden Monate umrissen. Wenn wir Gabriel aber auf seine Zusage festnageln können und für gute Instrumente statt Hinterzimmer-Deals streiten, dann können wir nächstes Jahr vielleicht wirklich konstatieren, dass der Kohleausstieg am 3.12.2014 begann!

Über GYGeorg

Global. Young. Green. Drei Eigenschaften von Georg, der lange u.a. bei den Global Young Greens (GYG) aktiv war und mittlerweile für den Kohleausstieg in Deutschland kämpft.

Veröffentlicht am Dezember 17, 2014, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: